Kunstreferenten

Eigentlich kann er das nicht so ausdrücken, was er fühlt und denkt, es fällt ihm nicht leicht, alles das zu sagen, was ihm im Herzen und auf der Zunge liegt, um sich darzustellen. Er spricht mit und aus seinen Bildern. Erst mit diesen tritt seine Person und seine Befindlichkeit, sein »Hintergrund« hervor und heraus.

Eigentlich schon früh – wie immer bei Künstlern von Kindheit auf – zeigte sich das Talent in den Interessen, in den Neigungen, in den Übungen. Von der familiären Situation her – einfache Arbeiterfamille, mit nicht allzu großem Wohlstand gesegnet – wer das Erlernen eines »Berufs«, Anliegen und Vorbehalt der elterlichen Erziehung. Aber als ausgelemter Tischler wagt Karl Krendl den Sprung aus der Sicherheit in das Risiko, zunächst noch neben der handwerklichen Arbeit die künstlerische Ausbildung und schließlich der Schritt in die Selbständigkeit eines »Freischaffenden«. Es war dies ein lang und gut überlegter Schritt, der ihn jedoch frei machte für das, was ihm als sein Lebensinhalt vorschwebte und mit dem er sich völlig seinen Intentionen einbringen konnte.

In der künstlerischen Ausbildung hat sich Karl Krendl in vielen Versuchen über alle Techniken an »seine« Art darzustellen herangetastet, Es ist nun im Wesentlichen die collagenartige Mischtechnik von Acryl auf Leinen. Es ist eine Form zu malen, die seiner handwerklichen Erfahrung genauso entgegen kommt wie seinem künstlerischen Talent. Ein Bild entsteht dabei nicht in einem Wurf, sondern in überlegter Vorbereitung aus dem realen Erleben und dem Vorbereiten in Skizzen und Entwürfen bis hin zur abstrakten Darstellung. Auch bei Auftragsarbeiten bleibt er seiner »Technik« treu – egal in welcher Darstellung – ein Krendl ist daher unverkennbar.

Grundtenor seiner Bilder ist die Natur, die schöne, die ausgeglichene, die ästhetische, die formvollendete Natur. In kräftigen Farben, mehr und mehr abstrahierend, bleibt sie stets in Manier und Eigenart erkennbar, Die Fassung ist überlegt und nicht spontan, man merkt die Verbundenheit oder auch die Auseinandersetzung mit dem »Inhalt«. Auch ideelle, nicht greifbare Themen werden in offenbar längerem Abwägen malerisch kräftig umgesetzt, sei es auf der Leinwand, auf der Hauswand oder mit Sinnsprüchen für den Druck in der Marterlchronik. Diese teils auch bewusst in die Öffentlichkeit getragene Kunst zeigt die Verbundenheit mit der Gemeinschaft, mit Freunden, mit dem Ort, Karl Krendl ist nicht der versponnene Künstler, der abgehoben in schöngeistigen Welten sucht, er ist ein Mensch, der sich in seinen Bildern ausdrückt und, obwohl er von seiner Kunst und seinem Talent leben muss, seinen Prinzipien treu bleibt.

Dr. Gerhard Floßmann

Der Raum in der Nussschale
“Put a space in a nut shell”
A portrait of the Artist as a Young Man, James Joyce

Wir haben uns kennen gelernt im Ledererhaus, einem kleinen, festen, mittelalterlichen Haus mit einem sonnendurchfluteten großen Garten. Es waren wundervolle Tage, in denen das gemeinsame Einrichten der Ausstellung mit den Malerkollegen schon fast weniger wichtig erschien als die Pausen und Diskussionen auf dieser Sonneninsel, im sonnendurchfluteten warmen, wilden Garten mit seinen großen alten Obstbäumen, seinen bunten Blumen und dem wild blühenden Gesträuch. Die Reise in die Wirklichkeit hatte ihren Anfang genommen.

“Claritas”, im Sinn des Thomas von Aquin, heißt nicht nur Klarheit des Ausdrucks, sondern bedeutet vielmehr das Durchscheinen der Idee, des Wesens, der Essenz eines Kunstwerkes. Seine Aura, die eigentliche Übermittlung, den Transfer.

Karl Krendls Bilder sind im ersten oberflächlichen Eindruck verwirrend. Die dynamische Verworrenheit hat jedoch Methode, sonst würde er sie nicht solange durchgehalten haben. In äußerster Konzentration und Stille entstehen seine existenziellen Bilder. Man fühlt sich dem dämonischen Zauber des Dschungels ausgesetzt, in dem man sich tagsüber unter Palmen fühlt wie in einem Garten von reichen Obstbäumen und lauscht den Geräuschen des Dschungels, dem fernen Trommeln der Teufelsbeschwörer am glühenden Lagerfeuer, im Dämmern der untergehenden Sonne.

Nun ist die Wahrnehmung eines Bildes nicht nur ein instinktives Erfassen. Sie ist bei eingehender Lesart ein Akt analytischer und reflektierender Erfahrung. Sozusagen ist Schule des Sehens ein Vorgang: work in progress. Das Denken, das weiß ich aus vielen Gesprächen, ist eher einfach, jedoch immer beschleunigt durch Agglomeration von Wirklichkeit und Philosophie, fern – und nahasiatischer zumal. Er muss einfach schaffen, wirken, bilden, ausdrücken, da ist er Europäer. Andererseits hat er in vielen Gesprächen vermittelt, dass er Transzendenz, Spiritualitöt und Geistigkeit vermitteln möchte. In Wahrheit ist er natürlich ein religiöser Mensch. In diesem Zusammenhang bezieht er sich nicht nur auf die fern- und nahöstlichen Philosophien und Religionen, sondern er bringt auch gern den Maler EI Greco ins Spiel.

Thomas “lntegras” wäre fürs erste schnell erledigt, könnte man das Bild als Gesamtheit meinen, abgegrenzt vom Ausstellungsraum, dem Ort, Mensch und der Katologfläche. Da sieht man unverwechselbare Krendlmalerei. Mit Pinsel, Spachtel und Fingerschlieren und manchen Wischern mit größeren Instrumenten. Ab- und zurinnende Farbe, Blasenbildung. Die Hitze? Die tiefer liegende Gärung? Sicher ein auf sich selbst zugeschnittener Kanon des Action Painting! Ein Dschungel von Farben, Linien und Flächen und Figurationen. Nicht einmal “Der Hahn” ist hier eine Ausnahme.

Als unauswechselbarer Krendl stellt sich die Integritätt des Kunstwerks dar. Man hat sich an ihn gewöhnt. Er hat sich sein Bild erarbeitet und erworben. Mit konzentrierten Pinselzügen setzt er Zeichen seines Lebens, die sich in einem polaren Spannungsfeld abspielen, und realisiert auf diese Weise elementare Bewegungen der Natur selbst, Leben und Tod, Starres und Bewegliches, Geben und Empfangen, Bergen und Bedrohen, Männliches und Weibliches, Innen und Außen. Strukturierung und plastische Betonung der Farbe verleihen den Ölbildern eine zusätzliche Bewegungsintensität und sie erscheinen so als farbige Organismen, deren Bewegungsrichtung sowohl in der Fläche, als auch in den dreidimensionalen Raum gerichtet ist. Krendl ist ein überaus sorgsamer Arbeiter und Handwerker gewiss, aber auch immer einer der Sinnlichkeit der Materie, der Stoffe, und hat seinen Bildern mit solcher Transzendenz eine Bestimmung mitgegeben, eine Gültigkeit für das Irdische.

Um zur “Consonanz” zu kommen geht es an die Formelemente und deren Zusammenspiel. Da sind zunächst heftige Striche, graphisch, farbig. Leinwandquer, Papierquer, nicht gleich einem durchschaubaren Ordnungsprinzip folgend. Kritzeleien, Krakel, Nervosität. Farbige Schraffuren, durchaus auch im Hintergrund, schaffen eine mittlere Bildebene, die in die Tiefe geht. Etwa wie die leicht verschobene Perspektive der Gewichtung des Instrumentariums bei Jackson Pollock. Farbflächen tauchen auf, bewirken das Entstehen des Bildes, beruhigen die Hektik. Räumliche Figuren entstehen, in den Zwischenebenen Bewegungen, Dynamik als farbendichtes Bildzentrum. Der Himmel, eine umgestülpte Wiese. Das Chaos wird lesbar, als eigene oder andere Erlebniswelt. Die “Consonantia”, das Zusammenspiel der Elemente, zeigt Wirkung.

Die Lehre des Thomas, wie die Malerei, fußen auf der Lehre vom Licht. Körper strahlen Licht ab, Farben nehmen es auf und reflektieren durch ihre Substanz eine Erscheinungsform des sichtbaren Lichtes. Thomas unterscheidet zwischen sichtbarem Licht und geistigem Licht, zwischen geistiger und körperlicher Claritas, Krendls Malerei täuscht Körper, Flüche und Raum vor. Nicht nur seine Die Illusion dient der Illumination des Auges. Das Miteinander und Gegeneinander der Teile ist wesentlich gebunden an den Begriff der Ordo, der Ordnung. Sie stellt Form und Struktur, selbst wenn sie ungeordnet erscheint.

Denken ,wir uns ein Bild als strukturiertes Licht, so ist der Urquell nur auf Umwegän sichtbar, er wird uns deutlich durch Reflektionen und Brechungen. Ordnungen müssen nicht unbedingt mit geraden Linien und vollendeten Körpern zu tun haben. Krendls Bilder irritieren nur scheinbar, ihren inneren Glanz eröffnen sie erst dem in sich ruhenden Betrachter. Sie erschließen sich kontomplativ und verschließen sich wieder in der zufällig initiierten Assoziation des Betrachters.

Auf der Findung nach seinem Verhältnis zum Raum arbeitet der Maler konsequent seiner Erweiterung und Vertiefung und ist in den großformatigen Werken und Strukturen gelangt, die in der Verklammerung mit der Durchschreitbarkeit zu einem eigenen neuen Freiraum wurden. Aber wurden nicht auch die gotischen Kathedralen zum Beginn des Jahrtausends wie von innen zusammenwachsende Bäume gesehen, die Klarheit des Außen- und Innenkörpers mit Ornamenten, Tieren und Fabelwesen überzogen, gedeckt, die das Licht durch gläserne Ornamente im Raum brechen lässt, um damit eine Kosmogonie der Schöpfung dem Menschen anschaulich vorzustellen?

Put all space in a nut shell – Birg alle Natur in einem Bild! So könnte die Obsession des Karl Krendl gedeutet werden. Und es ist nicht die geordnete Natur und deren Licht die er uns vorstellt. Für mich ist er ein Maler der Natur. Er malt nicht nach der Natur. Er Iässt sich von ihr inspirieren. Wo immer. Er bringt die Essenz der verloren geglaubten Natur wieder ein. Und das ist gut in einer Welt, die am Artefakt des Menschen zugrunde zu gehen droht. Es ist meine Welt, meine Sehnsucht. Eine großartige Geste des Wunsches noch Durchlässigkeit, die sich nicht fixieren lässt.

Seinen Gemälden eignet die Unerträglichkeit lustvoller Leidenschaften, aus denen neues Leben, neue Malerei mit neuer Vitalität erfüllt wird, Hier erweist sich die qualitativ hochwertige Zeichnung als meditativer Reinigungsprozess, der zu läutern versteht. Krendl setzt in seinem künstlerischen Anliegen, seinem leidenschaftlichen Engagement den Dingen zu begegnen, auf die meditative Kraft stillen Bilderlebens, das in der besinnenden Anschauung oft zu mehr Einsicht führt, als kühle Rationalität. So stürzt er sich permanent in Phasen ununterbrochener Arbeit. Kunst – Malerei ist hier nicht als Endpunkt einer Erfahrung begriffen, sondern als deren ständiger Fluss. Die Vertreibung aus dem Paradies dauert so lange an, wie wir es wollen. Williaim Blake hat einmal gesagt: Mir werden zu dem was wir sehen”. Wir haben allerdings auch die Chance, das zu Sehende selbst zu gestalten. Keiner von uns weiß, wann er einmal heimkehren kann, in sein Paradies, und ob der Friede einkehren wird auf der Sonneninsel.

Doch aus dem fernen Garten in der Sonne trage ich das Gefühl von damals unauslöschlich in mir. Und es wird wahr, wenn ich Karl Krendls Bilder ansehe.

Dr. Erich R. Heller Kunsthistoriker
To bless this region, its vendages, and those
Who call it home: though one cannot always
Remember exactly why one has been happy,
There is no forgetting, that one was.W.H. Auden (in Kirchstetten)